Schulumwelten neu betrachtet

(veröffentlicht in: Elternhaus und Schule, 4/90, S. 10 – 11)

 

Zählt man all die Unterrichtsstunden und Pausenminuten zusammen, die ein Schü­ler während seiner zehnjährigen Schulzeit in der Schulumwelt verbringt, so ergibt das Jahre. Schulzeit ist Lebenszeit, auch wenn der aIte, noch immer hochgeschätzte Spruch „Nicht für die Schule, für das Leben!” das eigentliche Leben erst für die Zeit nach der Schule verheißt. Man sagt, die Umwelt präge den Menschen – und das ist gewiß richtig. Deshalb ist es gerade für demokratische Elternvertre­tungen wichtig, sich der Schulumwelt der Kinder und Jugendlichen anzunehmen. Unser aller Blick auf diese Umwelt ist getrübt. Das gewohnte Bild gibt dem Be­trachter nach einiger Zeit nichts mehr. Doch sind die Übel, bloß weil wir uns an sie gewöhnt haben, weniger schlimm? Dr. Harald Pätzolt beschreibt, was ihm aus ökopsychologischer Sicht auffällt, wenn er durch Schulen geht.

Möglichkeiten der Gestaltbarkeit von Schulumwelt und der Selbstdarstellung der Schüler

Sieht man einmal von den obligatorischen Schulgalerien und der Fotos der Besten in den Fluren und Treppenhäusern ab, so ist es erstaunlich, wie wenig persönliche Dinge im Schulalltag ihren Platz finden. Ich möchte behaupten, daß sie sich an jedem Arbeitsplatz Erwachsener häufiger entdecken lassen als am Platze eines Schülers. Ja: es wird seit eh und je ein verbissener Kampf geführt gegen all die Dinge, die „nicht in die Schule gehören”.

Weiterhin verwundert es, daß der einzelne Schüler so gut wie keine die eigene Schulzeit überdauernden Spuren in seiner Schulumwelt zu hinterlassen vermag. Die MögIichkeiten der Gestaltung wie der Selbstdarstellung in dieser Um­welt sind äußerst gering. Es gibt kaum einen Platz in der Gesell­schaft, der in dieser Hinsicht mit Schule vergleichbar wäre, kaum einen Lebensraum, der so unpersönlich ist.

Eine gesicherte Erkenntnis, von jedermann nachzuvollziehen, be­sagt, daß eine harmonische Beziehung zwischen der Identität des einzelnen und seiner Umwelt maßgeblich zu Wohlbefinden und Leistungsbereitschaft des Menschen beiträgt. Eine solche harmonisch Beziehung setzt reiche Möglich­keiten der Selbstdarstellung und der Gestaltung voraus.

Schulumwelt und gegebene so­ziale Verhältnisse

Ich habe in Heft 1/90 (Seite 3) die Frage gestellt, ob es möglich ist, Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Lehrern und Schülern zu schaffen, die nicht wie bisher auf Macht, Herrschaft und Gewalt beruhen. Es ist möglich, muß mög­lich sein, und dazu ist Schule auch als Schulumwelt zu reformieren. Mir fällt auf, daß die entscheidenden Räume in der Schule fest in der Hand der Erwachsenen sind. Was für ein Verhalten darin zugelassen ist, bestimmen eindeutig sie. Darauf reagieren die Schüler mit einigem Widerstand. In vielen Schulen haben sie den Kampf um andere Räume längst gewonnen. Die von Ökopsychologen so genannten Zwischen-Räume, also Flure und Treppenhäuser, sind fest in der Hand der Schüler. Lehrer lassen sich in den Pausen dort kaum sehen. Ähnlich verhält es sich mit yielen Schulhöfen. Da sind Lehrer wohl präsent, aber meist ohne Chance, ordnend einzuwirken auf die Massen.

Macht und Gewalt sind nicht so vordergründig zu sehen, wie All­tagssprache es uns nahelegt.

Macht und Gewalt erscheinen auch darin, welche Chance der einzelne hat, die Verhaltensregeln in den von ihm benutzten Lebensräumen mitzubestimmen. In der Schule sind die Verhältnisse da eindeutig. Wo Schüler im offe­nen Kampf keine Chance haben, weichen sie aus in Nischen, uner­reichbar für den Lehrer. Ich ver­weise nur auf die WCs, die für Schüler geradezu Oasen der Frei­heit sind.

Auch andere Zeichen in Schulen sind deutlich: Lehrerzimmer ohne Klinken etwa, scheinbar ganz praktisch, enthalten eine klare so­ziale Botschaft an die Schüler. Und in meiner ehemaligen, einst „schönsten Schule Berlins”  dürfen die Schüler den Haupteingang nicht benutzen, sondern sie müs­sen das Haus über den Hof betre­ten, von hinten also. Wem fallen da nicht die Dienstboteneingänge vergangener (?) Zeiten ein?

Alters- und entwicklungsgerechte Schulumwelten

Jedermann weiß, welche enormen Unterschiede im Entwicklungs­stand Kinder und Jugendliche im Schulalter aufweisen. Und zwar nicht nur im körperlichen, sondern auch im psychischen Bereich, ja, bezüglich der gesamten Persön­lichkeitsentwicklung. Wie wird dem bei der Gestaltung der Schul­umwelt Rechnung getragen? Denkbar wenig, meine ich. Wohl sind Möbel und Räumlichkeiten der Schüler der Unterstufe deut­lich von denen der Mittel- und Oberstufe unterschieden. Damit hat es sich dann aber auch. Verändern sich denn die Ansprü­che an die Umwelt nicht ständig? Stellt das Jugendalter nicht an­dere Anforderungen an die Ge­staltung der Lernumwelt in den Klassenräumen oder an die räumlichen Möglichkeiten für die Pau­sengestaltung? Ich meine schon.

Es ist doch allseits bekannt, daß das Zimmer eines Zehnjährigen anders aussieht als das eines Vier­zehnjährigen oder Sechzehnjähri­gen. In der Schule werden diese Differenzen kaum beachtet, was die Möglichkeiten der Raumge­staltung und -nutzung betrifft. Da­mit aber werden wichtige Potenzen der Schule vergeben, Raum für Entwicklung zu sein.

Geschlechterdifferenzierte Schulumwelten

Die einzigen Zeichen, die in der Schule auf Geschlechterdifferen­zen hinweisen, finden sich an den Türen der Sanitärräume. Darüber hinaus, scheint es, sind Schüler geschlechtslose Wesen. Mit dem Eintritt ins Jugendalter, das ist schließlich sattsam bekannt, erlan­gen die Geschlechterdifferenzen eine neue, große Wichtigkeit für den einzelnen wie für die Gruppe.

Ist in der Schule angemessen Raum gegeben, sich mit sich selbst diesbezüglich auseinander­zusetzen, sich darzustellen als ge­schlechtliches Wesen und den Wandel in den Beziehungen unter­einander auszuleben? Wohl nur in sehr geringem Maße. Wiederum sind gerade Schülerinnen genö­tigt, Nischen aufzusuchen. Die WCs werden zu Kosmetik- „Salons” und Kommunikationsstätten. Hier hat erwachende Weiblichkeit noch Platz!

Räume für die Begegnungen in der Schulumwelt

Einer der gravierendsten Mängel ist der Mangel an Möglichkeiten für verschiedene Formen des Um­gangs der Schüler untereinander in der Schule. Das mag verwun­dern, sind doch gerade hier Kin­der und Jugendliche dichter zu­sammen als anderswo. Aber die Möglichkeiten (räumlich wie zeit­lich), miteinander zu kommunizie­ren, sind äußerst begrenzt. Der soziale Verkehr der Schüler schon auf einer Klassenstufe ist kaum entwickelt. Man kennt sich wenig, und man weiß schon gar nichts über die Vorgänge in Klassen hö­herer oder niedrigerer Stufen. Wenn auch in der Oberstufe die jugendliche Neugier auf das andere Geschlecht die Barrieren teilweise überwinden hilft, so ändert das nichts am Gesamteindruck. Wenn man sieht, wie gering die räumlichen und zeitlichen MögIichkeiten für Kontakte und Kom­munikation in kleinen Gruppen oder auch größeren Verbänden sind, wie wenig besondere Zonen, Ecken, Räume für Gespräche, In­formation, Versammlungen angeboten werden, dann bin ich ver­sucht, Schulumwelt in heutiger Gestalt als Raum der sozialen IsoIation der Schüler voneinander zu begreifen.

Schulumwelt – getrennt von der kommunalen Umwelt

Eine der wichtigsten Aufgaben demokratischer Schulumweltgestaltung wird darin bestehen, Schule wieder in die städtische Umwelt zu integrieren. Auf dem Lande war das nie ein großes Problem. In den Städten schon. Es ist ja nicht nur der Zaun, der macht, daß Schule kaum integraler Bestandteil der Wohngebiete ist. Es ist eine eher unsichtbare Zone, auf­gebaut durch eine klare Funk­tionsbegrenzung der Schulum­welt, nur Ort des Lernens der Schüler zu sein. Würde sich das Verhältnis der Schüler zur Schule nicht ändern, wenn auch die Eltern ständige Nutzer der Schule wä­ren? Sollen Schulen nicht ein Inseldasein fristen, sind auch gestalterische Konsequenzen zu· ziehen.

Übrigens: Die genannte „unsichtbare Zone” zwischen Schule und Umwelt wird vielerorts sichtbar. Nichts ist verwahrloster als die „Ränder” der Schule nach außen. Niemandsland.

Wenn ich ein Fazit meiner Beobachtungen ziehen sollte, so würde auf der Negativseite stehen: ­Gemessen an der vorgefundenen Schulumwelt sind Schüler unpersönliche Wesen, ohne Altersbesonderheiten, geschlechtslos, unfreiwillige Gäste an einem ungemütlichen Ort, der ein Inseldasein inmitten der vertrauten Umwelt fristet. Sie sind in ständigem Kampf um ihre Umweltansprüche begrif­fen und stehen auf verlorenem Posten.

Auf der Positivseite finden sich all die Bemühungen der Lehrer, EI­ternvertreter und Schüler, Schul­umwelt zu gestalten, finden sich Phantasie und Mut, Neues zu wagen.

Wir müssen nun mit den Schulen, die wir haben, weiter auskommen Aber da ist vieles machbar und mehr nötig, als das alte Haus nur neu zu tapezieren.


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