Das Verführerische am Stalinismus

(Veröffentlicht in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie (DZfPh), Heft 10/1990, S.964 – 970)

 

Kaum vorstellbar, daß hier und heute jemand dem Satz widersprechen könnte: Wir müssen uns um die Aufarbeitung unserer Geschichte, also auch der Geschichte des Stalinismus bemühen. Aber: Die Rede von der Auseinandersetzung mit der Geschichte verdeckt, daß dies ganz wesentlich eine Auseinandersetzung mit uns selbst, mit unserer Erfahrung ist. Erfahrung jedoch ist etwas sehr Gegenwärtiges, Aktuelles. Aufarbeitung des Stalinismus heißt also auch: Auseinandersetzung mit unserer eigenen Subjektivität.

Vielleicht suchen wir daher so hartnäckig das Gespräch. Zu den für mich bemerkens­wertesten Ergebnissen vieler Gespräche der letzten Zeit, in denen Erfahrungen themati­siert wurden, gehört, daß es schier unüberwindliche Schwierigkeiten für Nicht – DDR – ­Bürger, vor allem für Bürger aus der BRD, gibt, sich unsere Erfahrungen zu erschließen. Damit meine ich nicht, daß nicht etwa eine Vielzahl unserer Selbstreflexionen kommuni­kabel wären. Partiell ist eine Perspektivübernahme durchaus möglich. Nur scheitert viel­fach der Versuch, genereller in die Erfahrung des DDR – Bürgers einzutreten, dessen zentrale Perspektiven zu übernehmen.

Dieser Befund wäre weniger interessant, ließe sich nicht ein ähnliches Erleben von DDR – Bürgern selbst berichten. Für viele hier im Land ist das Gewesene ganz unver­ständlich, unbegreiflich. Gerade auch die Reflexionen über die eigene Biographie werden davon betroffen. Wie hat man so leben können? Hat man so leben können? Wie hat man eigentlich gelebt? Erfahrung wird un – faßbar.

Haben wir gestern so gelebt und können es heute nicht mehr fassen, so ist uns über Nacht etwas verlorengegangen. Dies Verlorengegangene nenne ich das Verführerische am Stalinismus. Die Frage nach dem Verlust des Verführerischen ist die Frage nach dem Weg zu unserer Erfahrung des Stalinismus. Unsere Subjektivität ist in eine Krise geraten. Mit dieser in die Krise geratenen Subjektivität befaßt sich der folgende Aufsatz. Das Thema gewinnt also eine zweite Formulierung: Wie ist Subjektivität im Stalinismus möglich?

 

Zwischenbemerkung: Was ist Politische Psychologie?

 

Subjektivität ist das Thema der Politischen Psychologie.  Politische Psychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie, die sich mit den [1]Wirkungen von Politik auf die psychische Verfassung der Individuen befaßt. Ihr Gegenstand ist einmal das unmittelbare Erleben von Politik und zum anderen die psychische Regulation menschlichen Verhaltens in der Sphäre der Politik. Weiter bezeichnet man als Politische Psychologie ein Feld ange­wandter psychologischer Forschung. Innerhalb der verschiedenen psychologischen Sub­disziplinen werden vielfältige intuitiv politisch gemeinte Themen mittels der in diesen Subdisziplinen gängigen Methoden bearbeitet. Für diese Art Politischer Psychologie hat H. Moser den Begriff der “politotrophen Psychologie” geprägt.[2]

 

Verkennung von Scheinformen des Politischen im Alltagsdenken und in der Theorie

Politische Begriffe (Wahlen, Recht, Staat, Partei usw.) strukturieren unsere Erfahrungen. Die wohl dominierende Reflexionsform der Erfahrung von Politik in der DDR ist die der Deformation, der Rück- und Fehlentwicklungen politischer Strukturen in diesem Land.  Ganz unmittelbar kommt das in der Bedeutungsschwängerung solcher Schlagworte wie Wahlbetrug, Amts- und Machtmißbrauch, falsche Politik, Rechtsbruch, Rechtsbeugung usw. zum Ausdruck. Daß diese Reflexionsform überhaupt massenhaft entstehen konnte

und gar im Herbst 1989 gewissermaßen zur “materiellen Gewalt” (Marx) werden konnte, wäre eine gesonderte Untersuchung wert.

In derartigen Reflexionen werden Erfahrungen thematisiert, deren Realitätsgehalt zu hinterfragen ist, nicht deren Realität selbst. Die steht fest. Zum Ausdruck kommen in die­sen Reflexionen Dissonanzen zwischen z. T. idealisierten Politikvorstellungen und den als politisch erfahrenen sozialen Realitäten. Das heißt, die Dissonanzen zwischen bestimmten Vorstellungen von Recht, Staat, Wahlen usw. zu dem Erlebten sind so ungeheuer, daß ihre Verringerung (Dissonanzabbau) nur schwer gelingt. Erfahrung wird un – faßbar.

Dieselbe Reflexionsform findet sich aktuell auch in der politischen und politologischen Literatur zur DDR und zum Stalinismus. Da wird mit den Begriffen Staat, Demokratie, Partei, Recht, Öffentlichkeit, Politik gearbeitet, ohne daß die Schwierigkeit bemerkt wird, die darin liegt, daß der normative Charakter dieser Begriffe ihre einfache Anwendung auf DDR-Verhältnisse problematisch macht.

Was ist von einer Regierung zu halten, die nicht regiert? Sie ist entweder eine schlechte Regierung oder sie ist gar keine Regierung.

Was ist von Wahlen zu halten, bei denen nicht gewählt wird? Sie sind entweder mani­puliert (Wahlbetrug) oder sie sind gar keine Wahlen.

Was ist von einer Volksvertretung zu halten, die das Volk nicht vertritt? Sie wird entweder ihrer Aufgabe nicht gerecht (aus welchen Gründen auch immer) oder dies ist überhaupt nicht ihre Aufgabe, sie ist gar keine Volksvertretung.

Was ist von einem Rechtssystem zu halten, das parteiisch ist? Es ist entweder ein Unrechts­system (Rechtsbruch, -beugung) oder es ist gar kein Rechtssystem.

Was ist von einer Politik zu halten, die nicht dem Gemeinwohl dient? Sie ist verfehlt oder sie ist gar keine Politik.

Man sieht, die ersten Teilantworten sind die häufig in der Diskussion genannten Sym­ptome des DDR-Stalinismus. Sie entspringen alle der schon beschriebenen Reflexionsform der Erfahrung, sind hier nur ins Theoretische getrieben.[3] Faßt man die zweitgenannten Teilantworten ins Auge, so wird klar, worin das Problem besteht: Es gilt zu erkennen, daß wir es mit Scheinformen zu tun haben. Diese Scheinformen des Politischen, des Rechts usw. werden als solche in der genannten Reflexionsform systematisch verkannt.

Die Aufgabe der Arbeit an der Erfahrung ist also eine doppelte: einmal müssen die politischen Begriffe, die unsere Erfahrung strukturieren, analysiert werden. Dem widmet sich die Politologie, Ideologietheorie u. a. Zum anderen ist die genannte Reflexionsform zu durchbrechen, um die Scheinformen des Politischen als solche erkennen zu können und damit zu unserer Erfahrung zurückkehren zu können. Damit haben wir in der Politischen Psychologie zu tun.

Ich komme auf das Problematische der Nutzung gängiger politischer Begriffe zurück. Wenn man, wie z. B. D. Segert dies tut,[4] mit einem Politikbegriff arbeitet, der sich einmal am Problem staatlicher Macht definiert, zum anderen als normative Bestimmungsstücke Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Pluralismus und Öffentlichkeit hat, dann ergibt sich doch, daß dieser Begriff bezüglich der DDR-Geschichte nicht faßt. Was ergibt sich denn wirklich aus diesem Begriff? Es ergibt sich, daß in einem Gemeinwesen, in welchem Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Öffentlichkeit fehlen, keine Politik stattfindet. In Diktaturen findet keine Politik statt. Herrschaft ist dann nicht mehr als Herr­schaft eines politischen Subjekts zu begreifen, ist keine politische Herrschaft mehr. Macht wird nicht mehr als politische Macht beschreib- und analysierbar. Das Problem der Legiti­mität der Macht stellt sich anders: es geht nicht mehr darum zu begreifen, wie die politi­sche Macht legitimiert wurde, sondern daß und wie Machtverhältnisse scheinpolitisch legi­timiert wurden. Damit ist das Interessante am Stalinismus nicht, wie R. Henrich meint, daß die politische Macht des “vormundschaftlichen Staates”[5] immer doch ein gewisses Maß an Legitimität erlangte, sondern die Merkwürdigkeit, daß keine der stalinistischen Diktaturen der europäischen Nachkriegszeit auf scheinpolitische Formen verzichten konnte.

Machtverhältnisse sind allemal soziale Verhältnisse. Damit sind sie mindestens der Sozialpsychologie zugänglich. Die Tatsache, daß es im Stalinismus das Politische aber als Scheinformen (politischer Verhältnisse, politischen Verhaltens, politischer Organisationen, Institutionen und Personen) und als Idee von Politik in der Erfahrung gab, ist m. E. ein Ausgangspunkt der politisch-psychologischen Analyse des Stalinismus in der DDR.

 

Das Verführerische politischer Schein/armen von Macht-Ohnmacht- Verhältnissen

 

Macht, darunter verstehe ich hier nichts weiter als die Möglichkeit, die eigenen Inter­essen zur Geltung zu bringen. Macht hat, so verstanden, an sich nichts Verführerisches. Macht ist attraktiv, gewiß. Denn Macht bedeutet für den einzelnen einen Zuwachs an Information, an Kompetenz, an Entscheidungsmöglichkeiten und Selbstbestimmtheit und endlich auch an sozialem Ansehen. Jede Individualentwicklung ist, so gesehen, eine Ent­wicklung hin zu mehr Macht. Die Sozialisation bringt aber ebenso die Erfahrung, daß der je eigenen Macht Grenzen gesetzt sind und daß man mit der Macht der anderen rechnen muß. Die Erfahrung der Ohnmacht als der Unmöglichkeit, eigene Interessen zur Geltung zu bringen, ist eine durchaus negative. Demzufolge läßt sich festhalten, daß Ohnmacht auch nichts Verführerisches an sich hat. Das Verführerische ist eben nicht identisch mit dem Faszinierenden der Macht. Daß Macht eine positive Valenz besitzt oder jedenfalls für den einzelnen gewinnen kann, das ist im Kontext motivationspsychologischer Theorien hinreichend belegt.[6]

Im Begriff des Verführerischen liegt immer das Moment des Betrugs und Selbstbetrugs, des sich und andern etwas Vormachens, der Mystifikation, des Schleiers der Legitimität eines präferierten Verhaltens.

Legitimität hat in dieser Hinsicht zwei wichtige Seiten: die Seite der Legalität, also eines Normenkonsenses und die Seite der Sinnhaftigkeit, eines Sinnkonsenses. Dieser Zu­sammenhang läßt sich an verschiedenen Subsystemen der Gesellschaft, besonders am familialen Subsystem verdeutlichen. Der massenhafte Gebrauch von Lohn und Strafe in der Kindererziehung, also die gewaltsame Exekution elterlicher Macht, legitimiert sich in den Augen vieler Eltern durch die Normen Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin, Gehorsam, Fleiß usw. Sinn macht für sie das Verfahren wegen des geglaubten Erfolgs. Vermittelt wird dieses Erzieherverhalten vielfach traditionell: Ich bin selbst auf diese Weise ein anständi­ger Mensch geworden. Effektiv geht es natürlich nur um die eigenen Interessen in der Familie, um eigene Macht. Mit dieser Wahrheit läßt sich freilich schwer leben. Sehr bequem wird es erst durch das Verkennen dieser Verhältnisse als Erziehungsverhältnisse. Darin liegt das Verführerische. Erziehung als eine Scheinform, die selbst die ohnmächti­gen Kinder ergreift. Schon frühzeitig wird ein Erziehungsstil akzeptiert, geglaubt, es sei zum eigenen Besten.

Der besondere Schleier der Legitimität der Partizipation an der Macht wie der Nicht­ – Partizipation an der Macht bestand bei uns im Lande wie auch anderswo im politischen Gewand, in das die Gestalten der Macht und der Ohnmacht sich hüllten. Das Merkwür­dige für mich ist nicht, daß die Machtverhältnisse eine wechselseitige Anerkennung erfuhren, daß in bezug auf Legalität und Sinnhaftigkeit ein Minimalkonsens herrschte. Daß man sich gegenseitig machen und ansonsten weitgehend in Ruhe ließ. Dieser Sach­verhalt ist bereits festgestellt und als eine Art von “Gesellschaftsvertrag” aufgefaßt worden.[7] Darüber hinaus hat N. Luhmann den Mechanismus von Macht und Ohnmacht über das Prinzip doppelter Kontingenz zu fassen versucht.[8] Merkwürdig ist vielmehr die wechselseitige Anerkennung der Macht – Ohnmacht – Verhältnisse als politischer Verhält­nisse und damit die systematische Verkennung derselben. Der Unterschied von Politik und Scheinpolitik wird hierin deutlich. Folge ich D. Segert, dann ist Politik erstens die Sphäre, in der sich Menschen ihrer Interessen bewußt werden, eine Interessengemein­schaft herstellen, dabei die Interessenlage anderer sozialer Subjekte erfassen und die Inter­dependenzen der Interessenlagen reflektieren. Zweitens ist Politik dann die Sphäre, in der sich kollektive Subjekte kooperativen HandeIns zum Zwecke der Durchsetzung gemein­samer Interessen formieren und drittens die Sphäre, in der die grundlegenden sozialen Konflikte der Gesellschaft zu Bewußtsein kommen, die Konfliktparteien sich formieren und die Konflikte ausgefochten werden.

Scheinpolitik bedeutet in allem das Gegenteil. Der Kern ist, daß in scheinpolitischen Verhältnissen die Form faktischer wechselseitiger Anerkennung der Interessenlagen als verschiedener, nicht gegensätzlicher liegt. Interessenvermittlung findet nicht statt. Also auch kein Kampf um politische Hegemonie verschiedener sozialer Gruppen.[9] Es ist die Form wechselseitiger Anerkennung beider Seiten als unvermittelt nebeneinander agieren­der sozialer Subjekte. Das eine Subjekt versteht sich als politisches Subjekt mit politischen Interessen, das andere Subjekt als außerpolitisches, privates Subjekt mit privaten Inter­essen. Diese merkwürdige Konstruktion verweist auf die Strukturverschiedenheit beider Seiten. Auf der einen, der scheinbar politischen, der Macht eben, haben wir eine organi­sierte soziale Gruppe, die Partei. Auf der anderen Seite haben wir die unorganisierte Masse der einzelnen.

In der wechselseitigen Anerkennung des Machtverhältnisses, eines kollektiven Aktes auf der einen Seite, eines massenhaften individuellen Aktes auf der anderen Seite, finden wir die abstrakte Form der Anerkennung des Prinzips der Stratifikation, welches für traditionale Gesellschaften charakteristisch ist,[10] als gemeinsame Anerkennung der prä­modernen Idee von Politik. Wenn es so etwas wie eine Identität der DDR-Bürger als Staatsbürger gegeben hat, dann lag sie hierin begründet.

Für die Frage, wie diese Anerkennung der politischen Scheinformen und der Idee der Politik begründet wurde, ist wesentlich, daß aus genannten Strukturverschiedenheiten der Seiten im Machtverhältnis folgt, daß die Macht nicht individualisiert, die Ohnmacht aber individualisiert war. Das Bekenntnis, die Entscheidung für die Ohnmacht oder die Macht war darum auch eine Entscheidung für eine bestimmte Form von Subjektivität, eine Entscheidung, die in der Sozialisation jeweils vorbereitet wurde. Von Interesse sind hier immer wieder sprachliche Stellungnahmen zur eigenen Positionierung in der Gesell­schaft. So steckt selbst in dem Satz: “Ich interessiere mich nicht für Politik!” die Aner­kennung der Machtverhältnisse als politischer Verhältnisse, die Anerkennung der Macht als politische Macht, der eigenen Machtlosigkeit als politische Machtlosigkeit, als politische Ohnmacht. Soweit Macht über sich akzeptierbar war, war sie es als politische Macht, d. h. als eine Macht, deren Zwecke nicht im Individuellen, sondern im Gesellschaftlichen liegen. Das meint, man fühlte sich in seiner privaten Welt durchaus als frei und selbstbestimmt und man faßte das Feld des Tuns der Mächtigen als das Jenseits des Privaten auf. Insofern erschien die eigene politische Ohnmacht als ein frei gewählter Zustand, als Zustand des Verzichts auf politisches Engagement zugunsten des Auslebens der Privatheit.

Diese Vorstellungen bestätigten sich im Alltag nur allzu einfach: im eigenen sozialen Umfeld konnte man erfahren, daß politisches Engagement zunächst als Verlust an Freizeit erschien. Nicht zuletzt war der Verlust an Macht nur ein relativer: stabilisierte der massenhafte Verzicht auf politisches Engagement, auf Opposition das traditionale System mit seinen Hierarchien, seinem Oben und Unten, so stabilisierte man eine Gesellschaft, in deren Subsystemen jegliche Machtmotivation sich realisieren konnte. Kein Zufall, daß sich in Elternhaus und Schule analoge Machtverhältnisse als bestimmend erwiesen.

Andererseits war die Partizipation an der Macht, also die andere Variante des Verhaltens, gleichfalls nur als politische akzeptabel, d. h. als eine Partizipation an einer Macht, deren Zwecke im Überindividuellen liegen. Diese Vorstellung war so naheliegend, weil Macht eben kollektiv, nicht individualisiert war.

Partizipation an der Macht war nur möglich als Teilhabe am Leben einer Organisation, die der Träger der Macht war: der Partei. Mit der Übernahme überindividueller Inter­essen war der einzelne weitgehend der Notwendigkeit enthoben, über die eigenen Inter­essen und die individuellen Machtmotivationen zu reflektieren. Letztere blieben vielfach unbewußt.

Entsprechend diesem Selbstverständnis sahen nun die politischen Gewänder der Macht und der Ohnmacht sehr unterschiedlich aus: die einen trugen sie als Berufskleidung, die anderen als Festtags- oder als Bittgewand. Für Wohnung und Garten taugten sie nicht. So waren die Schleier, die Stoffe des Verführerischen, des Scheinpolitischen der Macht derber gewebt als die der Ohnmacht. Die Schleier der Macht sind bekannt: es sind einmal die Ideologie des schönen Scheins, die suggerierte, daß dies die höchste Demokratie sei. Es sind dies die reellen Scheinformen des Politischen, d. h. scheinpolitische Verhältnisse bzw. Verhaltensweisen – vom Wählen bis zur Abgeordnetentätigkeit. Die Schleier der Ohn­macht sind knapper geschnitten: ideologische Versatzstücke, in der Schule angelernt, und einige reelle Verhaltensweisen: Wahlen etwa oder Eingaben, auch Demonstrationen.

 

Sozialstrukturelle Aspekte des Stalinismus

 

Das Verführerische, die Scheinformen des Politischen und die alte, traditionale Idee der Politik, ist dahin. Erfahrung droht uns zu entschwinden, unfaßbar zu werden. Neben dem bisher skizzierten Teil der Arbeit an der Erfahrung des Stalinismus soll nun noch jener Teil angerissen werden, der sich mit der Frage befassen muß, in welchen reellen sozialen Strukturen wir jeweils eingebunden waren, wie diese unsere eigene Subjektivität be­dingten und bestimmten.

Die Analyse der herrschenden Organisation, der Partei (SED), wird zeigen, welche Aspekte sozialer Determination die Erfahrung der Macht hat. Aspekte, die weit in andere Erfahrungsräume der Gesellschaft DDR hineinreichten: Blockade des Gesellschaftsbezugs des Individuums, Blockade des Intergruppenverhaltens der Individuen und ein beson­deres Minoritätenproblem der an der Macht Partizipierenden (welches als Majoritäten­problem auf der anderen Seite erscheint).

 

1.        Partei als soziale Organisation

 

Das soziale Subjekt, welches die Macht in der DDR besaß, war die Partei, die SED. Ich habe eingangs bereits bemerkt, daß, wenn eine Partei ein Machtmonopol besitzt, alle Poli­tik aufhört. Eine Partei aber ohne Politik ist keine politische Partei. Ich behaupte also, die SED war keine politische Partei. Sie war nichts als eine soziale Organisation innerhalb einer Gesellschaft. Es ist bekannt, daß sich diese Partei alle Subsysteme der Gesellschaft dienlich gemacht hat, gleich einem Virus, das in einer Wirtszelle alles umfunktioniert. Der Zweck einer solchen sozialen Organisation kann nur ein Selbstzweck sein, die Selbster­haltung, was gleichbedeutend ist mit der Machterhaltung.

Betrachten wir nun das Individuum in dieser sozialen Organisation, so müssen wir auf neuere Modelle der Sozialpsychologie und Organisationspsychologie zurückgreifen. W Frindte u. a. unterscheiden verschiedene Systemebenen der psychischen Regulation: die Ebene der psychischen Regulation der individuellen Tätigkeit, die Ebene der Interaktion, die Ebene des Gruppenbezugs und die Ebene des Organisationsbezugs sowie die Ebene des Gesellschaftsbezugs.[11]

Für die Partei in der beschriebenen Gestalt ist klar, daß die zentrale Bezugsebene der psychischen Regulation des Verhaltens die Organisationsebene war. Und der Wegfall, die Blockade des Gesellschaftsbezugs, hat nun gravierende Folgen. Die Frage nach Recht, Öffentlichkeit, aber auch nach Moral, allgemeinmenschlichen Werten, verliert ihren ursprünglichen Sinn. Maßstab des Handelns ist das Ensemble organisationsinterner Ver­haltensmuster. Die Defizite, die sich daraus für das Erleben und Verhalten der Individuen ergeben, sind bekannt und empirisch faßbar: defizitäres Rechtsbewußtsein, Mangel an Toleranz, Konfliktunfähigkeit, kulturelle Defizite (jede Organisation hat ihre Sprache!), Mangel an Solidarität (innerer wie äußerer), latenter Nationalismus, ein problematisches Verhalten gegenüber Minderheiten. Das heißt, das humanistische Minimum moderner Gesellschaft wurde auf der psychischen wie auf der Verhaltensebene massenhaft nicht erreicht.

 

2.        Organisation dominiert Gruppen

 

Im Verhältnis zwischen Gruppen und Organisation findet sich auf der Parteiebene eine Verkehrung der Verhältnisse, wie sie für politische Parteien vom Prinzip her üblich sind. Besteht der Sinn von Organisation und eben auch von politischen Parteien darin, den politischen Interessengruppen durch deren Assoziation eine höhere Qualität zu geben, durch den Aufbau von Apparaten die Möglichkeiten der Interessenrealisation der Gruppen zu potenzieren, so war dies in der SED mitnichten der Fall. Die Gruppen hatten effektiv keine Selbständigkeit, keinen Einfluß auf die Organisation, keine Verfügungsgewalt über die Apparate.

Sozialpsychologisch ist klar, daß auf der Gruppenebene der Werterahmen der Organi­sation galt, daß die Verhaltensmuster, die sich notwendiger- und sinnvollerweise auf der Gruppenebene, in einer sozialen Gruppe ergeben, von denen der Organisation entschie­den dominiert wurden. Das hieß beispielsweise, daß ein Gruppenmitglied dem anderen nicht als einem solchen entgegentrat, sondern als einem Mitglied der Partei, also der Organisation.

Als Gegenreaktion entstanden spontan massenhaft informelle Gruppenstrukturen, in denen, unter Ausschluß der Organisationsebene, kommuniziert wurde. Gehandelt wurde aber im Kontext der formellen Gruppen, d. h. nach organisationsinternen Mustern und Anweisungen. Damit waren massenhaft psychische Konflikte angelegt, mit denen man allein war. Solche Konflikte sind wohl individuell bewältigbar, aber nicht massenhaft indi­viduell bewältigbar. Daß sie überhaupt individualisiert werden konnten, das lag an dem, was ich als zweiten gravierenden strukturellen Befund hier nennen möchte: an der Nicht­existenz horizontaler Beziehungen in der Organisation. Es gab faktisch keine Kommunikation zwischen den Gruppen. Das ist überhaupt eines der charakteristischsten Merkmale­unserer prämodernen Gesellschaft: die mangelnde Vernetzung der mikrosozialen Subsysteme untereinander. Das Prinzip ist konstitutiv für die Schulen und für den Freizeitbereich. Es gibt, verglichen mit anderen Gesellschaften, in der DDR kaum Intergruppenkonflikte.[12] Gerade die sind aber elementare Voraussetzung für die kulturelle und politische Evolution moderner Gesellschaften.[13]

Dieses Gegeneinander mikro- und makrosozialer Erfahrung beim einzelnen erzeugte massenhaft psychische Abwehrprozesse: Verdrängung, Verleugnung, Versachlichung, Regression, Furcht – klassische Quellen der Mystifikation reeller sozialer Verhältnisse.

 

3.        Die organisierte Machtelite

 

Neben der Blockade des Gesellschaftsbezugs und des Intergruppenverhaltens will ich abschließend noch auf das besondere Minoritätenproblem der an der Macht Partizipieren­den verweisen. Die politisch Aktiven, die Parteigänger, sie befanden sich in der Position einer Minderheit in der Gesellschaft, einer ungeliebten Minorität. Das war für jedermann erfahrbar, in fast allen sozialen Verhaltensräumen. Partei und Volk – das quantitative Ver­hältnis war nie unklar. Verdeckt wurde diese Minoritätenlage nur dadurch, daß in der sozialen Hierarchie nach oben hin die Mehrheitsverhältnisse umschlugen, ebenso in bestimmten sozialen und Berufsgruppen. Die Schwierigkeit für diese Minorität bestand darin, daß ein Teil ihrer Legitimität aus der Tatsache erwuchs, daß die Eliten dieser Mino­rität angehörten, allgemein aber bei der Majorität die Überzeugung vorherrschte, daß die Zugehörigkeit zu dieser Minorität (der Partei) nicht unmittelbar zur Zugehörigkeit zur Elite qualifiziert.

Negative Stereotype vom Funktionär, von der Partei, vom Mitglied bei der Mehrheit, verweisen immer auf die Ungeeignetheit der Minorität zur Elite, zur Macht. Demgegen­über standen die Angehörigen der Minderheit in dem Dilemma, diese Erfahrung mit der eigenen Macht, die sie ja hatten, zu vermitteln zu einem positiven Selbstbild, dem einer organisierten Machtelite. Diese Vermittlung war eben nur möglich, wenn man sich selbst als politisches Subjekt sah. Denn die Idee der Politik war die in dieser Zeit des Stalinismus einzig konsensfähige – für diejenigen, die aus einer sozialen Utopie heraus agierten wie für die Sendungsbewußten, für die Pragmatiker und für die Mehrheit der am Privaten orientierten Menschen dieses Landes. [14]

 


[1] Vgl. H. König: Einleitung: Über das Programm der Politischen Psychologie. In: H. König (Hrsg.): Politische Psychologie heute. Opladen 1988. S. 10

[2] H. Moser: Konzeptionen und Ansätze der westdeutschen und der internationalen Politischen Psychologie. Vortragsmanuskript (unveröff.). Hamburg 1989. S. 6

[3] “Theorie ist die artikulierte Vision der Erfahrung.” (Ronald D. Laing: Phänomenologie der Er­fahrung. Frankfurt/M. 1975. S. 17)

[4] Vgl. D. Segert: Einige Grundprobleme einer politischen Theorie des modernen Sozialismus. DZfPh. Heft 3/1990. S. 234ff.

[5] R. Henrich: Der vormundschaftliche Staat. Leipzig und Weimar 1990. S. 122ff.

[6] H. Heckhausen: Motivation und Handeln. Berlin/Heidelberg/New York 1989 (bes. Kap. 12: Machtmotivation)

[7] D. Staritz: Zur Geschichte der DDR. In: W. Weidenfeld/H. Zimmermann (Hrsg.): Deutschland ­Handbuch. Bonn 1989. S. 77, 83

[8] N. Luhmann: Gesellschaftliche Grundlagen der Macht: Steigerung und Verteilung. In: ders.: Soziologische Aufklärung. Opladen 1987. S. 117f.

[9] Vgl. H.-P. Krüger: Zur Differenz zwischen kapitalistischer und moderner Gesellschaft. In: DZfPh. Heft 3/1990. S. 213

[10] N. Luhmann: Machtkreislauf und Recht in Demokratien. In: ders.: Soziologische Aufklärung.

[11] W. Frindte/H. Schwarz/F. Roth: Selbst- und Fremdorganisation in sozialen Systemen. Forschungsergebnisse der FSU Jena (Ms.-Druck). Jena 1989. Teil I. S. 7

[12] H. Pätzolt: Fragen an unsere Schule. In: Elternhaus und Schule. Heft 3/1990; ders.: Schulum­welten neu betrachtet. In: Elternhaus und Schule. Heft 4/1990; vgl. auch meinen Forschungs­bericht “Ideologische Kompetenz bei Jugendlichen”. Institut für Psychologie der APW. Mai 1989 (unveröff.)

[13] H.-P. Krüger: Zur Differenz … A. a. O. S. 213


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